Krone richten.

Mein Neffe wurde vor Kurzem zwei Jahre alt. Mit einer selbstgebastelten Krone spazierte er stolz umher, lachte, spielte – und fiel hin. Die Krone rutschte ihm auf die Nase, ein riesiges Gequäke ging los. Skurrilerweise war ich auf diese Reaktion fast neidisch. Gefühlt liege ich auch manchmal auf dem Boden mit einer auf die Nase gerutschten Krone.

Je älter wir werden, desto komplexer werden unsere Stürze. Vor allem aber erkennen wir sie nicht mehr als solche. Stattdessen nennen wir sie Versagen. Wir stolpern weiter, nur leiser. Den Moment des Innehaltens – den Schock, die Akzeptanz – versuchen wir zu umgehen. Wir entwickeln Strategien, um Scham nicht fühlen zu müssen, schützen unseren Selbstwert, indem wir Ausreden finden: Die Umstände waren ungünstig, eigentlich haben wir uns ja gar nicht richtig bemüht. In der Sozialpsychologie nennt man das selbstwertdienliche Verzerrung.

Doch berauben wir uns damit nicht einer Chance? Der Chance, uns selbst bewusster zu werden. Zu erkennen, wo unsere Grenzen liegen, wo unsere blinden Flecken sind – und was wir wirklich brauchen.

Ich finde, wir sollten fallen. Das tun wir ohnehin. Wir sollten uns in den metaphorischen Dreck schmeißen und quäken. Uns diese Zeit nehmen, statt sofort weiterzulaufen. Nicht, um uns klein zu machen, sondern um klarer zu werden.

Denn Klarheit beginnt nicht mit Zusammenreißen, sondern mit Ehrlichkeit.

Wer das Fallen zulässt, versteht sich besser. Und wer sich versteht, kann aufhören, gegen sich selbst anzukämpfen.

Also ja, kleiner Neffe: Falle.

Mach das Aufstehen zu deiner Stärke. Denn wer aufstehen kann, muss das Fallen nicht mehr fürchten.


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